Notunterkünfte: Wie geht es weiter?
Obdachlosenunterbringung in Kempten: Mehr Hilfe, mehr Prävention und die Suche nach langfristigen Lösungen
Die Situation rund um die Kemptener Obdachlosenunterkünfte, insbesondere im Bereich der Reinhartserstraße und des Stadtteils auf dem Bühl, beschäftigt derzeit Politik, Verwaltung und viele Bürgerinnen und Bürger. In der gemeinsamen Sitzung des Ausschusses für soziale Fragen und des Ausschusses für öffentliche Ordnung am 16. Juli 2026 stellte die Stadtverwaltung die aktuelle Lage, bisherige Entwicklungen und mögliche Zukunftsperspektiven vor. Grundlage der Diskussion war zudem ein Antrag von Stadtrat Kai Nitsche (Volt), der einen stärkeren Fokus auf Prävention, Sozialarbeit und nachhaltige Lösungen fordert.
Hier gibt´s alle Infos und die Präsentation des Ausschusses.

Wohnungslosigkeit braucht mehr Aufmerksamkeit
In seinem Antrag macht Stadtrat Kai Nitsche deutlich, dass die aktuelle Situation nicht allein ordnungspolitisch betrachtet werden dürfe.
„Ziel des Antrags ist ausdrücklich keine Verdrängung hilfsbedürftiger Menschen, sondern die Verbesserung des Zusammenlebens im Stadtteil durch frühzeitige Hilfe, bessere Betreuung, stärkere Prävention und mehr soziale Stabilität.“
Anlass für den Antrag waren unter anderem wiederholte Polizeieinsätze und Vorfälle im Umfeld der Unterkünfte, die nach Angaben von Anwohnerinnen und Anwohnern zu einem rückläufigen Sicherheitsgefühl geführt haben. Gleichzeitig weist Nitsche darauf hin, dass die Lebensbedingungen vieler Betroffener eine soziale Reintegration erschweren.
Sein Fazit ist eindeutig: „Wohnen ist Menschenrecht.“

Von der Notunterkunft zur sozialen Begleitung
Die Stadt Kempten erinnerte in ihrer Präsentation daran, dass bereits 2018 ein grundlegender Wandel in der Wohnungslosenhilfe eingeleitet wurde. Hintergrund war ein deutlicher Anstieg der Unterbringungszahlen von 54 Personen im Jahr 2012 auf 140 Personen im Jahr 2018.
Seither arbeitet die Stadt auf Grundlage eines sogenannten Drei-Säulen-Modells:
- Prävention von Wohnungsverlusten,
- soziale Beratung und Unterstützung,
- ordnungsrechtliche Notunterbringung.
Zusätzlich wurden in den vergangenen Jahren Hilfsangebote ausgebaut. Dazu gehören unter anderem die Wohnungsnotfallhilfe der Diakonie Allgäu, Angebote der Suchthilfe, die Wärmestube, eine Übernachtungsstelle sowie regelmäßige Versorgungsangebote wie Lebensmittelausgaben oder der Foodtrailer des Bayerischen Roten Kreuzes. Diese Maßnahmen führen dazu, dass die Unterbringungszahlen gegen den deutschlandweiten Trend stabil bleiben.
Aktuell 150 Menschen untergebracht
Nach Angaben der Verwaltung stehen derzeit sieben Wohnhäuser mit insgesamt 51 Wohneinheiten zur Verfügung. Die Wohneinheiten verfügen über Küche und Bad, pro Zimmer werden maximal zwei bis drei Personen untergebracht. Insgesamt leben aktuell rund 150 Menschen in den städtischen Obdachlosenunterkünften.
Die Zahlen zeigen, dass Wohnungslosigkeit Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen betrifft:
- 6 Familien leben aktuell in den Unterkünften,
- 3 Haushalte sind alleinerziehend,
- 22 Bewohnerinnen und Bewohner sind Rentnerinnen oder Rentner,
- 29 Menschen gehen einer regulären Arbeit nach,
- bei rund 40 Personen ist eine Suchterkrankung bekannt.
Besonders herausfordernd ist die lange Verweildauer vieler Betroffener. Nach Angaben der Stadt leben einzelne Menschen seit mehr als zehn Jahren in einer Notunterkunft.
Nur wenige Personen verursachen einen Großteil der Probleme
Seit dem vergangenen Sommer ist die Zahl der Polizeieinsätze im Umfeld der Unterkünfte deutlich gestiegen. Laut Einschätzung der Verwaltung und der Wohnungsnotfallhilfe konzentrieren sich die Probleme allerdings auf eine vergleichsweise kleine Personengruppe.
In der Präsentation heißt es:
„Wichtiger Grund nach Einschätzung Amt 30 und Wohnungsnotfallhilfe: 5-7 sehr auffällige Menschen und Störungen durch Externe.“
Als Reaktion wurden bereits verschiedene Sofortmaßnahmen umgesetzt. Dazu gehören die Ausweitung des Sicherheitsdienstes auf Nachtzeiten sowie zusätzliche Zugangskontrollen an einzelnen Standorten. Außerdem wird geprüft, die Unterbringung stärker auf verschiedene Standorte im Stadtgebiet zu verteilen, um die Situation vor Ort zu entzerren.
Geplanter Ausbau der Hilfestrukturen
Neben den Sicherheitsmaßnahmen setzt die Stadt vor allem auf den Ausbau sozialer Hilfen. Geplant ist eine deutliche Aufstockung der Sozialberatung durch die Diakonie Allgäu sowie die Einführung eines sogenannten „Second-Step-Projekts“. Dieses soll insbesondere Familien und Alleinerziehenden helfen, ihre Lebenssituation zu stabilisieren und mittelfristig wieder auf dem regulären Wohnungsmarkt Fuß zu fassen.
Insgesamt soll die Sozialberatung von derzeit einer auf künftig zwei Vollzeitstellen ausgebaut werden. Die hierfür notwendigen Zuschüsse würden sich nach aktuellen Planungen von rund 100.000 Euro auf etwa 200.000 Euro jährlich erhöhen.
Darüber hinaus sieht die Stadt einen wichtigen Schlüssel zur Lösung in zusätzlichem Wohnraum. Aufgrund der sinkenden Zahlen im Bereich der geflüchteten Menschen gibt es bereits Wohnflächen, die für das Projekt genutzt werden können. Die Stadtverwaltung sieht sich hierbei als Vermittlerin und es entsteht ein Mietvertrag auf dem regulären Wohnungsmarkt. Künftig sollen jährlich zusätzlich sechs bis acht Wohnungen gefunden werden, die für das "Second-Step-Projekt" in Fragen kommen Dabei sollen Wohnungsbaugesellschaften und andere Wohnbauträger eine wichtige Rolle übernehmen. So kann nach einer erfolgreichen Stabilisierung in den Notunterkünften und über ein Auswahlverfahren der Übergang in eigenständiges Wohnen geschaffen werden.


Jugendzentrum weicht auf andere Standorte aus
Die aktuelle Situation im Stadtteil auf dem Bühl hat inzwischen auch Auswirkungen auf die Kinder- und Jugendarbeit. Aufgrund der Vorfälle insbesondere im Bereich der Reinhartserstraße finden die Angebote des Jugendzentrums auf dem Bühl derzeit nicht mehr in den gewohnten Räumlichkeiten des Juze statt.
Stattdessen nutzt das Team alternative Standorte im Sozialraum Kempten-Ost. Bei schönem Wetter ist das „JA-Mobil“ von 15:30 Uhr bis 20:00 Uhr am neuen Standort im APC-Park neben der Calisthenics-Anlage anzutreffen. Dort erwartet Kinder und Jugendliche weiterhin ein abwechslungsreiches Freizeit- und Begegnungsangebot.
Bei schlechtem Wetter oder für bestimmte Aktionen und Projekte wird auf die Räume des Pfarrzentrums St. Ulrich ausgewichen. Dort befinden sich bereits das Familienzentrum Kempten-Ost sowie das Quartiersmanagement Kempten-Ost. Für Infos, wann was wo stattfindet empfiehlt sich ein Blick auf Instagram.
Verwaltung arbeitet „mit Hochdruck“ an weiteren Lösungen
Nach Informationen aus dem Umfeld der Beratungen werden verwaltungsintern derzeit weitere Schritte vorbereitet, um die Situation in und um die Notunterkünfte nachhaltig zu verbessern. Neben den bereits vorgestellten Maßnahmen wird an verschiedenen Lösungsansätzen gearbeitet, um den unterschiedlichen Problemlagen sowohl im Bereich der Sicherheit als auch im Bereich der sozialen Unterstützung gerecht zu werden.
Aus Verwaltungskreisen ist zu hören, dass „mit Hochdruck“ an tragfähigen Lösungen gearbeitet wird. Sobald konkrete Maßnahmen und Handlungsschritte ausgearbeitet sind, sollen diese über die zuständigen Ausschüsse und politischen Gremien beraten und anschließend öffentlich kommuniziert werden.
Fragen und Anliegen direkt an die Stadt richten
Das Stadtteilbüro Kempten-Ost bittet um Verständnis, dass derzeit keine weitergehenden Informationen vorliegen als jene, die bereits öffentlich in den Ausschüssen vorgestellt wurden.
Bürgerinnen und Bürger, die Fragen, Anregungen, Wünsche, Beschwerden oder Befürchtungen zur Situation rund um die Obdachlosenunterkünfte haben, werden daher gebeten, sich direkt an die zuständigen Stellen der Stadtverwaltung zu wenden:
Kontaktformular der Stadt Kempten
Fazit
Die Diskussion im Sozialausschuss hat deutlich gemacht, dass Kempten in den vergangenen Jahren bereits wichtige Strukturen in der Wohnungslosenhilfe aufgebaut hat. Gleichzeitig zeigen die aktuellen Entwicklungen, dass weiterer Handlungsbedarf besteht. Die Verwaltung setzt dabei auf eine Kombination aus sozialer Unterstützung, Prävention, Sicherheitsmaßnahmen und neuen Wohnperspektiven für betroffene Menschen. Ob und wie schnell die geplanten Maßnahmen greifen, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Am 06. Oktober 2026 findet die nächste Sitzung des Ausschusses für soziale Fragen und am 26. Oktober 2026 die kommende Sitzung des Ausschusses für öffentliche Ordnung statt. Klar ist jedoch: Die Situation betrifft nicht nur die Betroffenen selbst, sondern den gesamten Stadtteil auf dem Bühl.